»Es wäre nicht der Mühe wert, siebzig Jahre alt zu werden,
wenn alle Weisheit der Welt Torheit wäre vor Gott.«
J.W. von Goethe, »Sprüche in Prosa«
(Bitte beachten Sie, daß die Online-Version ohne Anmerkungen veröffentlicht wird!)
»Jedem Alter des Menschen antwortet eine gewisse Philosophie.«
Ein Aphorismus Goethes aus seinen »Sprüchen in Prosa« leiht unserem Kommentar die Zwischentitel, werden die Zwischentitel im Zusammenhang gelesen, erschließt sich das Ganze des Goetheschen Gedankens.
Die Philosophie an die Lebensalter des Menschen anzuschließen, ist ein so naheliegender wie witziger Einfall. Sich zu fragen, welche Philosophie der Mensch nicht vertritt, sondern lebt, setzt einen Blick für die verborgenen Epochengesten der biografischen Entwicklung voraus. Jedem Alter des Menschen antwortet eine gewisse Philosophie, sagt Goethe. Er sagt nicht, »jedes Alter hat seine eigene Philosophie« oder »jedem Alter entspricht eine eigene Philosophie«, sondern: »jedem Alter antwortet «
Antworten setzen Fragen voraus: die sprachliche Fügung legt den Gedanken nahe, Goethe habe die einzelnen Alter des Menschen als Fragen betrachtet, denen Antwort gegeben werden müsse. Allein dies: ein Lebensalter als Frage zu betrachten, bezeugt, dass Goethe über die Erscheinungen hinaus gedacht hat. Neigen wir doch, betäubt von der Fülle der Erscheinungen, stets dazu, in der Erscheinung schon die Antwort zu vermuten. Insbesondere, seit wir nicht nur von Erscheinungen überhäuft, sondern auch noch von Erscheinungen der Erscheinungen überflutet werden (mediale Reproduktion der Erscheinungswelt und virtuelle Konstruktion neuer Erscheinungswelten), vermögen wir uns nur schwer vor dem Ansturm der scheinbaren Antworten zu retten. Doch Erscheinungen, die in der Form von Antworten auftreten, entheben uns der Verpflichtung, Fragen zu stellen. Uns bleibt nur, sie selbst infrage zu stellen. Wer uns auf Fragen antwortet, die wir gar nicht gestellt haben, tyrannisiert uns. Dass uns etwas zur Erscheinung wird, ist nur möglich, wenn uns sein Erscheinen nicht befriedigt. Dann vermuten wir etwas hinter ihm oder in ihm, das sich uns entzieht. So wird es uns zur Erscheinung und als Erscheinung zur Frage. Wird uns ein Lebensalter zur Frage, vermuten wir etwas in seiner Erscheinung, das uns keine Antwort gibt. Die Antwort zu geben, ist aber die Philosophie berufen, denn es gibt für jedes Alter eine eigene Philosophie, wie Goethe sagt. Welche Frage ist es, die das einzelne Lebensalter stellt, auf die jeweils eine gewisse Philosophie antwortet? Kennen wir die Frage, die unser Lebensalter stellt, kennen wir uns selbst.
»Das Kind erscheint als Realist; denn es findet
sich so überzeugt von dem Dasein der Birnen
und Äpfel als von dem seinigen.«
Wir finden uns überzeugt vom Dasein von Äpfeln und Birnen. Nicht: wir überzeugen uns durch hinreichende Realitätsprüfung oder ausschweifende Überlegungen, sondern: wir finden uns überzeugt. Wir finden die Überzeugung in uns vor, so wie wir die Äpfel und Birnen, so wie wir uns selbst vorfinden. Die Überzeugung von der Realität hängt am Wahrnehmen, am Spüren, Empfinden. Was wir anfassen, riechen, schmecken können, erscheint uns real. Dazu bedürfen wir keiner Realitätsprüfung. Der Realismus des Kindes ist naiver Realismus, weil er nicht Ergebnis gedanklicher Erwägungen, sondern Ergebnis von Erlebnissen ist. Zu diesen Erlebnissen gehört auch, dass wir den Dingen Namen geben können: dass wir sie denkend er- und begreifen. Diese unbeobachtete naive Arbeit des Denkens an der Wahrnehmung zeitigt jene naiv realistische Überzeugung von der unzweifelhaften Wirklichkeit der Dinge und unserer selbst. Denn auch uns selbst nehmen wir wahr, spüren, erleben, empfinden wir. Auch auf uns selbst beziehen wir Begriffe, die wir an unseren Selbstwahrnehmungen individualisieren, lange bevor wir wissen, was Denken ist. Wer will das in Zweifel ziehen: atmen und essen wir doch auch, lange bevor wir wissen, was Atmen und Essen ist und worin ihre Bedeutung für unsere Existenz liegt. Denken ist eine ursprüngliche Lebensfunktion: Wir selbst finden Überzeugungen in uns vor als Ergebnisse von Denktätigkeiten, die schon längst hinter uns liegen in den Tiefen unserer Lebensgeschichte. Dieselben Kräfte, die das Dasein der Äpfel und Birnen bewirken, sie bewirken auch das Dasein des Kindes: Bildekräfte sind es, lebendige Bildekräfte, aus deren Wirken das Kind wie der Apfel gebildet wird, den es verzehrt.
»Der Jüngling, von inneren Leidenschaften bestürmt,
muss auf sich selbst merken, sich vorfühlen, er wird zum Idealisten umgewandelt.«
Der Jüngling wird umgewandelt, die Jungfrau gewiss auch. Sie werden von inneren Leidenschaften bestürmt. Vom Andrang des Astralmeeres ist die Rede, das aus den Weiten des Kosmos an unsere inneren Ufer flutet und uns zu sich ruft. Zu jenen Inseln und Sternen, die wir zurückgelassen haben, die nun vor uns liegen, in der Zukunft, die wir suchen, Seelensucher, die wir sind.
Von Leidenschaften bestürmt: von jener gewaltigen Macht, die uns in die Weite zieht, in die Weite des Lebens, von der großen Sehnsucht, sehnsuchtsvolle Hungerleider nach dem Unerreichlichen. Aber die Leidenschaft lässt uns merken, dass wir selbst sind. Anders als das Kind, das sein Dasein einfach vorfindet, merkt der Jüngling, die Jungfrau auf sich selbst. Welch feinsinnige sprachliche Beobachtung liegt im Unterschied von »sich in seinem Dasein vorfinden« und »auf sich selbst merken«! Wer sich bloß vorfindet, ist wie ein lebendiges zwar und beseeltes, aber doch ein Ding. Wer aber auf sich aufmerkt, der regt sich in seinem Innern und indem er sich regt, bestimmt und verändert er sich. Auf sich selbst aufzumerken werden wir veranlasst durch das mächtige Wogen der Leidenschaften, die sich in unserem Innern entfachen, bezogen zwar auf äußere Bilder, aber Bilder sind es nur, das Wogen kommt woanders her. Verführte Sehnsüchte sind es, wenn die Sehnsucht sich verdinglicht. Und doch: das Wesen aller Sehnsucht ist die Verdinglichung. Nur geht sie über das Ding hinaus, wenn sie es denn erlangt hat, zum nächsten und übernächsten Ding. Alles wird Ding für die Sehnsucht, bis sie jenes Tor gefunden hat, aus dem alle Sehnsucht strömt. Geht sie darin ein, wird die Sehnsucht zur Erinnerung, die Erde zum Himmel.
Der Jüngling, die Jungfrau: sie müssen sich vorfühlen was ist damit gemeint? Ein Fühlen, anders als zuvor, anders als das Fühlen des Kindes. Nicht Äpfel und Birnen werden gefühlt, sondern sich selbst fühlen der Jüngling und die Jungfrau. Sich selbst vorfühlen, d.h. ein Gefühl des eigenen Selbstes entwickeln. Das eigene Selbst ist noch nicht gegenwärtig und doch ist es gegenwärtig: im Gefühl, in der Ahnung, unscharf, wie im Nebel kündigt es sich an. Dort, in der Zukunft steht es, schwebt es, und ruft uns zu sich, dort im Nebel verborgen bewegt es sich, unser Selbst, im Nebel der Zukunft, und dunkel vernehmen wir seinen Ruf. Wir fühlen uns vor: die spätere, ausgereiftere Gestalt unseres Selbstes. Wir spüren diese Unfertigkeit und deswegen sind wir so verletzlich. Die Seele ist es, die sich nach dem Geist sehnt, dessen Berührung sie erahnt, erhofft, ersehnt, aber noch nicht erlangt hat. Deswegen diese Sehnsucht, diese heftige Leidenschaft: Es ist die Achamoth, die nach dem Geist sich sehnt, nach ihrer Erfüllung: trotz aller Fülle welche Leere!
Nun werden wir gar zum Idealisten umgewandelt. Umgewandelt wodurch und warum zum Idealisten? Der Idealist ist der, der der naiven Realität des Kindes schon entbehrt und der die durch Skepsis vermittelte Realität des Mannes, der Frau noch nicht gefunden hat. Der Idealist entwirft ein Gedankenbild der Welt, seines künftigen Lebens und fühlt sich in dieses Gedankenbild hinein: Er fühlt sich in das Ideenbild seines künftigen Lebens hinein. Überaus tätig ist seine moralische Intuition. Auch das ein Geschenk der Sternenwelt, das, ein überladenes Schiff, auf den Wogen des Astralleibes daherkommt. Wahrhaftig kommt da »ein Schiff geladen bis an sein höchsten Bord«, voll mit Schätzen ungehobenen, nicht versunkenen. Schätzen, von denen unser Denken träumt, wenn wir leben und doch noch nicht leben, wenn wir vorausträumen, wie unser künftiges Leben sein wird, indem wir uns Urteile bilden, Ideen formen, unserem Dasein die Gestalt der Vorstellung verleihen.
»Dagegen ein Skeptiker zu werden, hat der Mann alle Ursache;
er tut wohl, zu zweifeln, ob das Mittel, das er zum Zwecke
gewählt hat, auch das rechte sei. Vor dem Handeln, im Handeln
hat er alle Ursache, den Verstand beweglich zu erhalten,
damit er nicht nachher sich über eine falsche Wahl zu betrüben habe.«
Nun reifte der Jüngling zum Mann, die Jungfrau zur Frau und beide werden sie zu Skeptikern. Skepsis? ein schreckliches Wort. Schlimmer noch als Kritik, höre ich sagen. Warum sieht Goethe in der Skepsis die Philosophie der Lebensmitte? Weil es auch eine gesunde Skepsis gibt, ja keine Gesundheit der Seele ohne gute Skepsis.
Die gesunde Skepsis ist es, die uns zum geläuterten Realismus führt. Die Skepsis ist es, die uns begleitet durch die Alter unserer Seele hindurch und über sie hinaus. Skepsis wird im Skeptizismus zum Prinzip erhoben. Skepsis gegenüber unserer Empfindungswelt? Mehr als angebracht. Ist es doch unsere Empfindung, die den Geist unseren Geist verdinglicht und uns damit an das Gewordene fesselt. Skepsis gegenüber unserem Gemüt? Aber ja doch. Ist es doch unser Gemüt, das sich in sich selbst verschließen will und glaubt, es komme nur auf die Schätze an, die es der Welt rauben kann: als wäre die Welt nur um seinetwillen da. Skepsis gegenüber dem Verstand? Der Verstand, der sich selbst gegenüber nicht skeptisch ist, verliert seine Beweglichkeit, erstarrt, lässt das Leben erkalten, wird selbstgerecht, pharisäisch.
Üben wir diese Skepsis gegenüber uns selbst, gegenüber unserem naiven Egoismus, der glaubt, er könne die Welt und die Mitmenschen verschlingen, um seines eigenen Wohles willen, gegenüber unserem einfältigen Gemüt, das glaubt, es komme allein auf die Glücksgefühle an, die es erlebt oder den Schmerz, an dem es leidet, gegenüber unserem Verstand, der die Weite und Fülle des Lebens in die starren Schemata seiner Planungen zu bannen droht: Dann übersteigen wir uns selbst und schärfen den Blick für die Gebärdensprache der Dinge. Dann eröffnet sich uns das Feld der Freiheit, auf dem wir die Spuren des Schicksals hingestreut finden, gebahnte Wege, von geheimnnisvollen Füßen gegangen, niedergedrücktes Gras, rätselvolle Zeichen da und dort, in der Wiese zwischen Blumen hingelegt.
Dreifach ist also die Skepsis. Das gesunde Misstrauen gegenüber den vorschnellen Gewissheiten der Empfindung befreit uns von Beschränktheit und Abhängigkeit. Zweifel an den Selbstverständlichkeiten des Gemüts und des Verstandes führt uns über die Einseitigkeiten des bloß Weiblichen und bloß Männlichen hinaus. Skepsis gegenüber uns selbst führt uns in die Katastrophe der Zerstörung aller Gewissheiten. Aber wie könnten wir die Gaben der Freiheit empfangen, wenn nicht all unsere Gewissheiten zerstört würden? Sind es doch diese Gewissheiten, die uns an gewordene Gestalten des eigenen Selbstes fesseln.
Ob das Mittel, das wir zum Zwecke gewählt haben, auch das rechte sei, dies zu prüfen, hebt uns über Automatismen und Gewohnheiten hinweg. Wer nicht wählen kann, besitzt nicht einmal die Chance zur Freiheit. Allein, die Wahl zwischen gegebenen Möglichkeiten ist auch nicht die wahre Freiheit. Vor dem Handeln, im Handeln haben wir alle Ursache, den Verstand beweglich zu erhalten: Denn er lässt uns prüfen, ob die Mittel unserem Zweck angemessen sind. Er lässt uns noch mehr prüfen: Ob nämlich die Zwecke uns selbst angemessen sind, ob wir den Zwecken angemessen sind, ob die Zwecke den Dingen angemessen sind lauter Fragen der Bewusstseinsseele, die sie hinüberführen zur wahren Individualisierung, zur wahren Einsamkeit, aus der das Antlitz des geistigen Selbstes, unserer wahren Individualität hervorleuchtet.
»Der Greis jedoch wird sich immer zum Mystizismus bekennen;
er sieht, dass so vieles vom Zufall abzuhängen scheint;
das Unvernünftige gelingt, das Vernünftige schlägt fehl,
Glück und Unglück stellen sich unerwartet ins Gleiche;
so ist es, so war es, und das hohe Alter beruhigt sich in dem,
der da ist, der da war und der da sein wird.«
Treten wir denn schon ins Greisenalter ein, kaum dass wir Mann oder Frau waren? Nun, beginnt die geistige Individualität die seelische Organisation zu überstrahlen und zu durchleuchten, wandelt sich letztere. Dasselbe gilt von den Kräften des Lebens und der physischen Gestalt. Drei Tore lassen die Schicksalsgötter uns durchschreiten, drei Zeiten durchleben wir, während das Licht unserer geistigen Individualität immer mehr erstrahlt. Das Leben wandelt sich in Tod, aber der Tod ist das wahre Leben: das Leben des Geistes. (In Wahrheit sind beide Leben gleich wahr: das ausgestülpte Leben des Geistes ist die Jugend, das eingestülpte Leben des Körpers ist das Alter. Der Körper ist inwendig Geist, der Geist auswendig Körper.).
Je mehr wir sehen vom Leben, umso zufälliger scheint uns vieles. Auch die Gewissheit, dass wir die Auserwählten sind, gehört zu den Opfern der Skepsis, die auf den Friedhöfen unserer Seele begraben liegen. Unser ungetrübter Glaube an die Vernunft, das Vertrauen in die höheren Mächte, dass das Unvernünftige keine Daseinsberechtigung habe, dass die Zeit stets der Optimierung des Vorhandenen entgegenschreitet, hat sich als beschränkte Illusion erwiesen. Was wissen wir denn, mit unserem bescheidenen Verstand, vom Guten und Wahren? Das Unvernünftige gelingt? Nun ja, vor dem Maßstab welcher Vernunft erwies es sich denn als unvernünftig? Das Vernünftige schlägt fehl? Nun ja, aber ist denn unsere Vernunft wirklich allumfassend und schließt sie alles Vernünftige ein? Schließt sie das vernünftige Lebewesen ein, das alles umschließt?
Nun stehen wir einer Welt gegenüber, in der Zufall und Notwendigkeit miteinander ringen, ein Kampf um die Vorherrschaft, Glück und Unglück, Freiheit und Nötigung stellen sich am Ende ins Gleichgewicht und wir erahnen darin jene Weisheit, die unser menschliches Wissen übersteigt. Das hohe Alter, das Alter in seiner Höhe, unser Leben auf seiner Höhe im Alter beruhigt sich: denn die Überschau lehrt uns Bescheidenheit, nicht Resignation. Vieles wird vollbracht, aber nur weniges gelingt. Doch nicht das Viele überdauert, sondern das Wenige, von den Vielen unbemerkt.
»Das Leben ist ein steter Befreiungsprozess
des Menschen von der Außenwelt.«
Rudolf Steiner kommentierte 1897, als 36-Jähriger, den Goetheschen Aphorismus. Hier sein Kommentar, als Kontrapunkt, als Coda.
»Das Leben ist ein steter Befreiungsprozess des Menschen von der Außenwelt. Das Kind lebt in und mit den Dingen. Sein Selbst ist noch ungetrennt von ihnen. Erst wenn es zum Bewusstsein dieses Selbst kommt und sich von den Dingen befreit, wird es das Geistige (Ideale) in sich gewahr, das nur im Menschen selbst erscheinen kann. Der Jüngling wird erst den Wert des Geistigen schätzen, ihn aber auch überschätzen, denn er produziert mit frischer Kraft die Ideen aus sich heraus und liebt sie als sein Eigenes; die Außenwelt, die er nicht erst zu produzieren braucht, die ihm wie ein Geschenk entgegentritt, achtet er gering.
Der reife Mann wird endlich gewahr, dass eine wirkliche Erkenntnis nur durch innige Durchdringung von Idee und Erfahrung möglich ist. Deshalb wird er skeptisch gegenüber dem Eigenwert des Ideellen; er sucht sich mit der Wirklichkeit abzufinden. Er wird die tätige Skepsis entwickeln, die die Ideale an der Außenwelt erprobt, bevor sie sie zu Lebenstendenzen macht.
Ob der Greis wirklich Mystiker wird, vermag ich nicht zu entscheiden.«1