Es gibt Momente, wo Tatsachen plötzlich ins Bewusstsein gerückt werden, die man sonst verschläft. Die Affäre um den Bauriesen Holzmann war ein solcher Moment.
Man stelle sich nur vor, wie ein solches Unternehmen mit härtesten Bandagen kämpfte. Seine Subunternehmer hatten nichts zu lachen. Die Überkapazitäten im Baugewerbe erlaubten ihm, von den Subunternehmen geringste Kosten zu »erzwingen«. Hier wurde brutalstes Management praktiziert. Anders ausgedrückt: Holzmann war ein Unternehmen, das die Preise verdarb. Deshalb war die Branche auf das Unternehmen nicht besonders gut zu sprechen. Aus dem Lager der Interesssenverbände der Bauwirtschaft kamen deshalb auch Rügen für die Politik, welche die Insolvenz für Holzmann abgewendet hatte. Der Vorwurf der Ungerechtigkeit wurde dabei bemüht. Tausende Insolvenzen kleiner Betriebe erfuhren keine Hilfe, wohl aber ein Branchenriese. Was im Hintergrund stand, wurde nicht ausgesprochen: der Niedergang dieser Firma hätte die Überkapazitäten am Baumarkt ein gutes Stück bereinigt. Den »Selbstreinigungskräften« des Marktes wurde durch den politischen Eingriff zuwider gehandelt. Dass diese Markttheorie nur verhalten durchklang, verhinderte die augenscheinliche menschliche Not, die der Untergang verursacht hätte. Offen wollte man in dieser Situation die Brutalität der Markttheorie nicht vertreten. Ungeniert tat das die Financial Times: »Schröder verdient keinen Beifall. Sein Flug nach Frankfurt zu Krisengesprächen mit Gläubigern war nicht nur lächerlich, sondern auch beunruhigend. Er lässt vermuten, dass Schröder nicht nur willens ist, Parteipolitik mit Unternehmen zu betreiben, sondern dass auch seine vorgeblich unternehmensfreundliche Politik nur altmodischer Interventionismus ist, der mit modernistischer Rhetorik getarnt wird In einer Branche, die mit Überkapazitäten kämpft und keine Schranken gegen Mitbewerber hat, hätte das Überleben Holzmanns allein wirtschaftlich durch seine Gläubiger und den Markt entschieden werden müssen Schröder mag glauben, dass er, wenn die EU den von ihm eingefädelten Deal blockiert, einen Sündenbock vorweisen kann. Kurzfristig mag er damit politisch seine Haut retten. Aber dieses Taktieren sollte unter der Würde eines Kanzlers sein. Es wäre schlecht für Europa, schlecht für Deutschland und ein schlechtes Geschäft.« Man lese noch einmal, damit das Erleben dieser Gedanken sich vertieft. Das Bemühen, Tausende von einem ungewissen Schicksal zu entlasten, war nach Financial Times »lächerlich« und »beunruhigend«. Lächerlich, weil es gegen die reine Markttheorie verstößt, beunruhigend, weil alte (soziale) Anschauungen, die längst überholt sind, wieder zum Tragen kommen könnten. Schnell wird ein Gespräch über eine Notlage als »altmodischer Interventionismus« deklariert. Es ist doch zu fragen, welche Machtmittel Schröder zum Einsatz brachte, um den Begriff »Intervention« zu rechtfertigen. Die Financial Times benimmt sich wie ein Wirtschaftspapst, der genau die richtige Lösung weiß, den Kanzler zensiert, dass er unter der Würde seines Amtes gehandelt habe, und dass diese Handlung für alle (EU, Deutschland und das Geschäft) schlecht sei. Das Schicksal der 70.000 Betroffenen mit einem Wort zu erwähnen, ist offenbar unter der Würde des Blattes. Es macht wenig Sinn, sich über eine solche Haltung zu empören, aber man sollte sie genau zur Kenntnis nehmen. Man vergleiche zusätzlich die Markttheorie mit den Tatsachen. Der harte Verdrängungswettbewerb, den die Firma beherrschte, entspricht der Theorie. Das himmelschreiende Missmanagement wohl kaum. Es ist aber eine Tatsache. Es ist schlicht unvorstellbar, wie die Schuldenlast von Jahr zu Jahr stieg, ohne dass Vorstand und Aufsichtsrat davon wussten. Erst als 2,4 Milliarden zusammengekommen waren, erregte das Aufsehen. Eine solche Summe ist doch das Zeichen gröbster Fehleinschätzung bei den Projekten und das Versagen jeder Kontrolle. Wo liegt die Verantwortung für solche Vorgänge? Der Vorstand hatte offensichtlich die Firma nicht unter Kontrolle, der Aufsichtsrat nicht den Vorstand, die Gläubiger nicht den Aufsichtsrat. Die Gläubigerbanken sind zudem in einem Dilemma. Viele von ihnen sind Eigentümer und Kreditgeber zugleich. So besitzt die Deutsche Bank 15 Prozent der Holzmann-Aktien. Die Bank nutzt dies, indem sie einen Aufsichtsratposten beansprucht. Die gleiche Tatsache ist u.U. bei Unternehmen der unmittelbaren Konkurrenz der Fall. Sind da nicht Interessenkollisionen vorprogrammiert? Fehlt es da nicht an Regeln, die etwa Besitzer und Kreditgeber säuberlich trennen? Regeln, die Kontrolle verbindlich beschreiben und diejenigen, die dagegen verstoßen, in die Pflicht nehmen, damit dem Unheil vorgebeugt wird. Solche Regeln scheinen dringend notwendig, um horrenden Verlusten am volkswirtschaftlichen Kapital vorzubeugen. Denn es geht bei einem Konkurs doch nicht nur um das private Vermögen der Aktienbesitzer. Man nehme allein die Summe, die auf die Bundesanstalt für Arbeit zugekommen wäre, wenn der Konkurs stattgefunden hätte. Damit wären Steuergelder verschwendet worden.
Aber nicht nur auf diesem speziellen Wirtschaftssektor wären Regeln nötig. Es ist allgemein zu beobachten, dass der Primat der Politik gegenüber der Wirtschaft verloren geht. Die Wirtschaft entzieht sich immer mehr demokratischer Kontrolle. Sie setzt unbeeinflusst ihre eigenen Regeln fest, die Gott sei Dank nicht überall, aber zunehmend den Ansichten eines Raubtierkapitalismus folgen. Der Mangel an demokratischer Kontrolle lässt die soziale Verantwortung des Kapitals rapide schwinden. Ungleichheit und Ausgrenzung herrschen. Die soziale Verfassung der Länder wird dadurch schleichend, aber effektiv verändert. Nicht nur die Völker, sondern auch die Politiker zeigen gegenüber dieser Entwicklung eine merkwürdige Lethargie. Die Drohung der Wirtschaft, im Falle eines aus der Sicht der Wirtschaft zu starken Einflusses der Politik, ins Ausland abzuwandern, macht die Regierungen fast hilflos. Regeln zu einer besseren Wirtschaftsordnung würden sofort suggestiv als Planwirtschaft oder als unberechtigte Intervention in das Wirtschaftsleben vonseiten des Staates gegeißelt bzw. als unnötige Bürokratie verdammt. Was ein solches Ansinnen, über das durchaus auch einzelne Fachleute nachdenken, bei der Financial Times an Kommentar auslösen würde? Eigenes Urteil ist gefragt! Der Staat ist Vertreter des Rechtslebens. Ohne Regeln wirtschaften zu wollen, beschränkt die Aufgabe des Staates, nicht umgekehrt.