Feuilleton


Joachim von Königslöw

Das Jahr 2000.
Ein Brückenjahr

(Bitte beachten Sie, daß die Online-Version ohne Anmerkungen veröffentlicht wird!)

Das Jahr 2000 ist das letzte Jahr des zweiten nachchristlichen Jahrtausends, das am 31. 12. 2000 endet, und zählt – im Bilde seiner Jahresziffer – als das erste des dritten! So wächst ihm sinnbildlich die Funktion einer Brücke von einem zum anderen Jahrtausend zu. Es ist nicht gleichgültig, von welcher Seite her man eine Brücke betritt: Zukunft und Vergangenheit wachsen sich entgegen, verschränken sich zum Bogen. Aber der eigentliche, der wichtige Moment ist der Moment des Schließens, der später im fertigen Bauwerk verschwindet.

So auch mit dem Zeitenlauf: Immer begegnen sich Vergangenheit und Zukunft zum jeweiligen Augenblick der Gegenwart. Immer sollte das auch ein Augenblick der Geistesgegenwart sein, in dem zunächst alles offen ist. Erst hinterher zeigt sich, ob es Gelingen oder Misslingen, Neubeginn oder Fortsetzung von etwas Altem war. So ist das Bild des Brückenbogens während des Baues die Spanne, in der sich die beiden Bogenarme noch einander entgegenrecken, ehe sie sich berühren. Der symbolgeladene Augenblick, wo »es sich fügt«, wo Nord und Süd, Ost und West, wo Plan und Wirklichkeit, Geist und Materie ineinandergreifen und sich miteinander in etwas Höheres verwandeln: in den fertigen Bogen. Aus solchen Augenblicken besteht unser ganzes Leben, aber nur in hervorgehobenen Situationen werden sie sichtbar.

Das Jahr 2000 ist eine solche Situation, und das Bild der werdenden Brücke ist ein solcher Moment. Um ihn nicht allzu schnell verrauschen zu lassen, sei das Bild der Brücke eine Zeit lang festgehalten. In einer Folge von kleinen Essays sollen durch die Hefte der Drei in diesem Jahre Brücken vor uns auftauchen: Als Miniaturen, in denen man in Bild und Wort jeweils einen bestimmten Brückenschlag betrachten und auf dem angedeuteten Hintergrund seiner räumlichen und zeitlichen Bedingungen erleben kann. Als Blumenstrauß, ohne weiterer Prätention als der, unseren Blick für Übergänge zu schärfen und dabei inne zu werden, dass die Kunst – in diesem Falle die Baukunst und die Ingenieurkunst – uns mit Bildern umgibt, die die wunderbare Fähigkeit haben, das in die Sichtbarkeit zu heben, was im Menschenleben stets aus einem sichtbaren und einem unsichtbaren Bogenteil besteht: der bisherigen offenbaren und erinnerbaren Biografie und der noch unsichtbaren, gleichwohl dazugehörigen Zukunft. Freitragend bauen wir stets den Augenblick der Gegenwart weiter ins Ungewisse – und ins doch so Gewisse unserer Zukunft. Es gilt, übend ein Gespür dafür zu entwickeln, ob sich das Sichtbare dem Unsichtbaren fügt, so wie sich die beiden Brückenarme fügen, – ob unser Leben einen »Bauplan« hat, ein mutiger Entwurf ins Ungewisse ist, ob man die sinnlichen und übersinnlichen Teile unseres Daseins zum stimmigen Bogen unseres Erdenlebens zusammenfügen kann, oder ob da etwas »Gestückeltes« bleibt.

Die Bilder fertig gebauter Brücken können uns aufmerksam machen auf solche Entwürfe, ihre Gesten, ihre Eigenschaften, ihre Schicksale. Denn unser Leben ist ja in sozialer Hinsicht immer auch eine Brücke, über die der Verkehr vieler anderer Menschen hin- und herfließt, über mich, von mir vermittelt.

Ausgewählt werden vor allem deutsche Brücken aus einer Folge von Brückenminiaturen, die einmal zu einem größeren Ganzen zusammengefügt werden sollen.

Nach diesem Geleitwort noch ein Hinweis auf die abgebildete Brücke, die uns den Anlass zu unseren Gedanken gibt. Es handelt sich um eine Straßenbrücke im Thüringer Wald. Die künftige Autobahn 71 von Nürnberg nach Erfurt überquert das Gebirge bei Oberhof und muss auf ihrem Nordabstieg zwischen Gräfenrode und Gehlberg das Tal der Wilden Gera überqueren. Das geschieht in der luftigen Höhe von 110 Metern. Warum aber mit einem 251 Meter weiten Stahlbeton-Bogen, da doch sonst heute die Brücken meist aufgeständerte waagerechte Balken sind? Grund dafür ist, dass nicht nur Bach und Straße, sondern auch eine Bahnlinie am Hang und eine Deponie im Tal überspannt werden müssen. Ein Glücksfall für das Tal! Es wird durch ein Tor gegliedert und nicht durch eine mehr oder weniger gleichgültige Stützenreihe deklassiert!

Genau ein Jahrhundert nach der Müngstener Brücke, die in ähnlicher Form und Größenordnung als Eisenkonstruktion für die Eisenbahn gebaut wurde, entsteht nun als Stahlbetonbogen ein entsprechendes Brückenbauwerk für die Autobahn. Beide Bauten sind wie Pfeiler, die ein Jahrhundert dynamischer Verkehrsentwicklung überspannen.

Die Gerabrücke liegt zwar auf dem Boden der ehemaligen DDR, ist sinnbildlich aber ein Bauwerk, das den Graben zwischen West und Ost in Gestalt des kleinen Flüßchens Gera überbrücken soll. Die Gera durchfließt Erfurt, wo die altberühmte Krämerbrücke sie mit ihren bebauten Bögen überspannt; sie mündet in die Unstrut, diese in die Saale, und die Saale in die Elbe. Nach Südwesten hin sind es die Gebiete von Werra und Weser, Main und Rhein, die die neue Fernstraße nach Nordosten hin mit Mitteldeutschland verknüpft, über den alten Rennsteig, den Kammweg des Thüringer Waldes hinweg, der ja bekanntlich – nach Kurt Kluges Roman »Der Herr Kortüm« – Hamburg mit Samarkand verbindet.

Unweit vom Rennsteig wird nun dieses Brückentor errichtet. Seine Höhe beträgt fast 110 Meter, seine Spannweite 251 Meter, während die gesamte, im Übrigen auf schlanken Stahlbetonstützen ruhende Brückenkonstruktion 552 Meter lang ist. Dröhnend zischend, aufrauschend werden die Autos bald darüber hinwegflitzen; das Tal der Wilden Gera aber wird um ein Wunderwerk der Ingenieurkunst reicher sein. Es wird sich lohnen hinabzusteigen oder -fahren und zu schauen!



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